Soll die Hindenburgstraße umbenannt werden?

Eine Unterrichtseinheit mit Smartphones in Schülerhand soll natürlich inhaltlich genauso ertragreich sein, wie – sagen wir einmal – klassischer Unterricht. In dieser Stunde wollte eine Journalistin der Westdeutschen Zeitung sehen, ob Handys für besseren Unterricht sorgen.


Die im folgenden dokumentierte Unterrichtsstunde hat zum Ziel eine differenzierende Diskussion anzuregen über die Frage, ob Straßen mit „belasteten“ Namensgebern umbenannt werden sollen. In der vorliegenden Doppelstundenplanung soll diese Frage am Beispiel von Hindenburg als Namensgeber für zahlreiche Straßen und Plätze diskutiert werden. Dass diese Frage immer wieder in der Presse der ganzen (westlichen) Republik auftaucht, lässt sich schnell herausfinden, wenn man bei Google einmal nach den Begriffen „Hindenburgstraße“ & „Umbenennung“  sucht; es finden sich einige tausend Treffer. Von Darmstadt bis Münster, von Hamburg bis Gronau – überall wird oder wurde eine Umbenennung diskutiert. Mit sehr unterschiedlichem Ausgang übrigens!

Die eigene Meinung erkennen

In einem ersten Schritt sollten sich die Schülerinnen und Schüler über ihre Meinung zu einer solchen Straßenumbenennung klar werden. Dazu wurde der Einstieg über einen Artikel in der Lokalzeitung und den dazugehörigen Kommentar sowie als Methode eine Datenerhebung über Kahoot gewählt. Der für die Stunde tragende Arbeitsauftrag war, ein Gutachten für die Stadtväter zu verfassen, inwiefern eine Straßenumbenennung im Falle Hindenburgs angemessen ist oder eben nicht.

Differenziertes Hintergrundwissen erarbeiten

Um zu einem differenzierteren Urteil zu gelangen, sollten die Schülerinnen und Schüler in einem zweiten Schritt, Hintergrundinformationen zu Leben und Wirken Hindenburgs erarbeiten, seine Rolle im Rahmen der Präsidialkabinette darf als bekannt vorausgesetzt werden.

Kooperative Gruppenarbeit mit der Placemat

Dazu wurden die 24 Jugendlichen in 6 Gruppen á 4 Gruppenmitglieder eingeteilt, sodass sie an einer vorbereiteten Placemat arbeitsteilig arbeiten konnten. Der Arbeitsauftrag, der Schritt für Schritt im Rahmen eines Learningsnacks vorbereitet wurde, konnte per QR-Code mit dem Handy aufgerufen werden. Insgesamt waren verschiedene Texte: eine Rezension einer Arte-Dokumentation bei Spiegel Online (Leser A), ein Interview mit Wolfram Pyta in der Welt (Leser B), ein Artikel in der Bonner Rundschau (Leser C )sowie eine Artikel in der BadischenZeitung nebst einiger Leserbriefe zum Thema (Leser D) sowie vier eher illustrativ-binnendifferenzierende Filme von den Schülerinnen und Schülern zu erarbeiten. Ergebnisse sollten auf dem eigenen Placemat-Ausschnitt dokumentiert werden. (Think-Phase)

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Präsentation im Etherpad

Im nächsten Arbeitsschritt sollten in einer Gruppendiskussion die einzelnen Ergebnisse kombiniert, ausgewertet und gewichtet werden, um dann in der Mitte der Placemat sowie schließlich in einem vorbereiteten EtherPad zusammengefasst werden (Pair-Phase).

Diskussion der Ergebnisse

In einem letzten Schritt wurde im Rahmen einer durch ein zweites Kahoot angestoßenen, offenen Klassendiskussion die Frage nach dem Sinn einer Straßenumbenennung diskutiert und die Schüler zu einem fundierten Urteil herausgefordert (Share-Phase).

Als Hausaufgabe sollten die Schülerinnen und Schüler ein differenziertes Gutachten für den Rat der Stadt schriftlich abfassen. Dabei sollten die Ergebnisse aller Gruppen im EtherPad berücksichtigt werden.

Kritischer Blick auf die Planung

Die an verschiedenen Stellen geforderten 21CenturySkills, die für Schülerinnen und Schüler in Zukunft unverzichbar sein werden, sind in der vorliegenden Stunde natürlich nur in Ansätzen umgesetzt. Sicher übernehmen die SuS in einem gewissen Rahmen gesellschaftliche Verantwortung, wenn Sie ein Gutachten für den Stadtrat erarbeiten und formulieren, sich aus verschiedenen Quellen Informationen suchen und diese auswerten können. Sicher ist die hier vorbereitete Diskussion ein Baustein bei der Entwicklung zu einem mündigen Bürger, kritisches Denkvermögen wird mit der Auseinandersetzung teils sich widersprechender Positionen angemessen eingeübt. Sicher wird im Rahmen dieser kooperativ angelegten Stunde (Think-Pair-Share) die Teamfähigkeit der Schülerinnen und Schüler trainiert. Es gibt die Möglichkeit der – wenn auch nur über die Materialmenge – differenzierten Arbeit zum Thema, die einen stärker individualisierten Zugang ermöglicht. Die Schülerinnen und Schüler schätzten vor allem auch, dass sie Schritt für Schritt durch das Thema geleitet wurden.

Aber:

Verantwortung für ihren eigenen Lernprozess erreichen die Schülerinnen und Schüler mit dieser Stundenplanung sicherlich nicht, das ist bei der klassischen Stunden- und Inhaltstaktung aus meiner Sicht auch nicht immer möglich. Vor allem auch die Kreativität, die ich zum Beispiel bei der Schülerproduktion von GreenScreen-Erklär-Videos immer wieder großartig finde, ist nur in Ansätzen nötig.

Dafür hätte ich dann aber 10 Stunden gebraucht und nicht eine Doppelstunde…

Problem: Klassische Unterrichtsstrukturen

Ich stelle in zunehmendem Maße fest, dass das digitale Arbeiten, das ich mir wünschen würde, schwierig zur verwirklichen ist, auch mit digitalen Medien:

  • regelmäßig (!) in Projekten,
  • klassenraum- und länderübergreifend,
  • kooperativ und
  • vor allem kreativ
  • vielleicht in Lernbüros (und damit selbstorganisiert)

Oder, wie Philipp Wampfler sagt:

Digitales Lernen ist konstruktivistisches und konnektivistisches Lernen, schafft eine Distanz zwischen Unterricht und Instruktion, übergibt die Verantwortung für ihre Lernprozesse an die Lernenden.

Dem Anspruch werde ich hier nicht gerecht.

Es geht in der Schule auch in Zeiten der Digitalisierung eben leider immer noch nicht um die 4K (aus meiner Sicht Fähigkeiten, die im Rahmen von handlungs- und produktionsorientiertem Unterricht erlangt werden können),  es geht noch nicht einmal um das Bestehen einer Prüfung am Schluss – dahin könnten ja viele Wege führen. Es geht beim Unterrichten um die Einhaltung von Vorgaben, Klausurterminen, konkreten Inhalten und z.T. unverbundenem Inhaltswissen, um Reproduktion und Reorganisation, sicher auch um Sach- und Werturteil (klassische Ziele des Geschichtsunterrichts), aber oft noch zu wenig um sinnstiftendes Lernen für das 21. Jahrhundert. Kurz gesagt: „Nicht nur ist aufgrund einer etablierten Prüfungs- und Schulkultur das Schulsystem selbst stark an problematische Didaktik gebunden“, so pointiert Wampfler!

 

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3 Kommentare zu „Soll die Hindenburgstraße umbenannt werden?

  1. Ein erfrischend offener Blick auf die Möglichkeiten des Einsatzes von digitalen Medien im Geschichtsunterricht! Ich denke auch: unter Berücksichtigung anderer Unterrichtsformen ließe sich ein deutlicher Mehrwert für die Integration neuer technischer Möglichkeiten schaffen!

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  2. Schöne Unterrichtsstunde, Marc! Hatte mich schon beim Lesen gefragt, wie lange die Schüler dafür Zeit hatten (die „Doppelstunde“ sind dann 90min oder?). Denn eigentlich schreit das Ganze nach einem Projekt, an dem längerfristig gearbeitet werden könnte. Ich stehe ja aber häufig vor dem gleichen Problem: die Zeit hat man einfach nicht, wenn man sich wie in Geschichte nur einmal die Woche kurz sieht.
    Ich finde aber dennoch, dass du deine Möglichkeiten im vorhandenen „System“ sehr gut genutzt hast! 👍🏻

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