Dieser Beitrag erscheint in dieser Woche in der Zeitschrift „Integrierte Schulen aktuell“ 4/2017. Ziel der Übersicht ist es eine grobe Skizze dessen, was praktisch mit digitalen Medien im Unterricht schon jetzt möglich ist, zu entwerfen sowie einen kleinen Einblick in die daraus erwachsenden Erfordernisse der Lehrerausbildung und -fortbildung unter den Bedingungen der Digitalisierung zu umreißen.

Wie Kommunikation, Kooperation, Kreativität und kritisches Denken als Schlüsselkompetenzen des 21. Jahrhunderts verwirklicht werden können

Die heutige Unterrichtsstunde im Fach Geschichte startet mit Fotos von Kriegerdenkmälern. Diese haben die Schülerinnen und Schüler am Tag zuvor mit dem Handy in ihren Heimatgemeinden aufgenommen und präsentieren und untersuchen sie nun anhand vorgegebener Untersuchungskriterien mit ihren Mitschülern. Die anschließende Diskussion ist, nicht zuletzt aufgrund des Einsatzes der eigenen digitalen Geräte, aber auch mit Blick auf die Fotos aus dem eigenen Umfeld hochkonzentriert und zielgerichtet. Die Geräte machen eine zeitnahe, unaufwändige Nutzung von digitalen Schülerergebnissen einfach.

Die kleinen Taschencomputer ermöglichen eine Nutzung, die vor allem die zentralen Kompetenzen für das Leben im 21. Jahrhunderts ermöglichen: Kommunikation mit Menschen in aller Welt, Kooperation (auch) mit Hilfe digitaler Tools, Kreativität nicht allein bei der Erstellung von Texten, Fotos, Filmen oder interaktiver Formate werden durch Smartphones und Tablets so einfach wie noch nie. Auch kritisches Denken ist angesichts von Fake-News und Klimawandelleugnern für den mündigen Bürger des 21. Jahrhunderts unverzichtbarer denn je. Diese „Vier K“ (Kommunikation, Kooperation, Kreativität und kritisches Denken) bezeichnet der deutsche PISA-Papst Andreas Schleicher als höchste Bildungsziele.

Dass Computer, also auch Smartphones und Tablets in unserem Jahrhundert als wichtige „Kulturzugangsgeräte“ (Lisa Rosa) fungieren, eröffnet neue Horizonte. Dabei müssen Schülerinnen und Schüler auch lernen, welches kreative, kooperative und kommunikative Potential ihre tagtäglichen elektronischen Begleiter ihnen eröffnen und wie sie kritisch die von ihnen genutzten Inhalte einordnen können. Da sind alle Lehrerinnen und Lehrer – wie gut oder schlecht sie auch immer mit diesen Geräten umgehen können – ohne jeden Zweifel gefordert, diese Entwicklung zu begleiten und voran zu treiben.

Einige Beispiele der Nutzung digitaler Endgeräte möchte ich im folgenden kurz anreißen.

Kreativer Einsatz z.B. durch Filmproduktion

So können Schülerinnen und Schüler im Unterricht selbstständig Filme erstellen. Ob Szenen aus einem Jugendroman, der gesamte Roman verkürzt als Film-Trailer oder ob Gedichte oder chemische Reaktionen mit Hilfe einer StopMotion-App in kleine Filme umgesetzt werden, immer können auch die Endgeräte der Schüler genutzt werden. Meine Schüler erstellen zum Beispiel häufig Erklärvideos. So kann etwa mit Hilfe der App Touchcast auf einfache Art ein komplexes, interaktives Video erstellt werden. Dabei wird zunächst ein Text für den integrierten Teleprompter verfasst, im Hintergrund können per Green-Screen-Effekt (ich nutze dazu meist Ikea-Decken) historische Settings eingeblendet werden und während der Filmaufnahme lassen sich verschiedenste interaktive Elemente integrieren (von GoogleMaps bis hin zum inhaltlich passenden Youtube-Video). Überhaupt lassen sich Schülerinnen und Schüler per Greenscreen sehr leicht an historische Orte oder in fremde Länder oder Städte versetzen. Auch innerhalb von Gemälden oder Karikaturen kann sich ein Lernender frei bewegen, um die einzelnen Elemente zu erläutern.

Nicht in jedem Unterricht bietet es sich an, die erstellten Inhalte auch in digitalen Portfolios zu sammeln, sei es lokal in selbst erstellten, interaktiven Büchern (dazu bietet sich etwa eine App wie BookCreator an) oder aber in digitalen Online-Portfolios (wie z.B. Mahara). Interessant ist jedoch, dass sich alle erstellten Inhalte immer auch weiterverarbeiten lassen und auch in neuen Kontexten nutzbar sind – von der Homepage bis zur Online-Präsentation. Auch für zukünftige Bewerbungen ist dies sicher sinnvoll.

Individuelle Lernwege und Übungen ermöglichen

Wenn man konsequent Smartphones als „Kulturzugangsgeräte“ begreift, erscheint es nur sinnvoll, sie im Unterricht regelmäßig zu nutzen. Dabei sollen Schülerinnen und Schüler – egal ob im binnendifferenzierten Unterricht oder z.B. bei der Arbeit an Projekten oder in Lernbüros – in den Lehrplänen formulierte Inhalte mehr oder weniger selbständig erarbeiten. Die Inhalte, die das weltweite Netz bietet, nutzen die meisten Lehrerinnen und Lehrer inzwischen regelmäßig zur Unterrichtsvorbereitung. Warum sollte man diese Ressourcen den Schülerinnen und Schülern nicht unmittelbar zur Verfügung stellen?

Der einfachste Weg auf konkrete Angebote im Netz zu verweisen, geht bei mir über QR-Codes. Die kleinen quadratischen Codes lassen sich höchst einfach auch von Laien erstellen (z.B. mit Hilfe der Seite goqr.me ) und können dann in jedem Unterrichtsmaterial aufgenommen werden. So können Sie Übungen aus dem Buch mit interaktiven Übungen im Netz ergänzen, aber auch ganze digitale Lernpfade erstellen, die von Lernenden selbständig nach und nach erarbeitet werden können. Im binnendifferenzierenden Klassenunterricht lassen sich Zusatzmaterialien – z.B. Youtube-Videos zum Thema – schnell und individuell an den Lerner bringen. Auch multimediale Vokabelübungen (z.B. mit Hilfe der Seite Quizlet) lassen sich so in den Unterricht einbinden.

Kleine Tools wie Learningsnacks ermöglichen es sogar individuelle Lernpfade in einer Art Chat abzubilden. Auch hier lassen sich verschiedenste Inhalte aus dem Internet einfach einbinden.

Interaktive Übungen muss man dabei als Lehrender nicht selbst entwickeln. So finden sich zahlreiche Übungsformen – vom Memory bis zum interaktiven Lückentext – für alle Fächer auf der Schweizer Seite LearningApps, die übrigens keine kommerziellen Interessen verfolgt. Ähnliche Übungen lassen sich mit Hilfe der Seite H5P erstellen, bis hin zum mit Arbeitsaufträgen gespickten Online-Video. Vokabeln und Fachbegriffe können mit Hilfe von Quizlet mit verschiedenen Übungsformen trainiert werden. All dies lässt sich zu Strukturierungszwecken auch in Lehrplattformen wie Moodle integrieren.

Kooperative Arbeitsformen digital gestützt

Gruppenarbeiten lassen sich auch zu Hause organisieren, wenn Schüler an einem sogenannten Etherpad arbeiten. Dabei handelt es sich um eine Art Online-Textverarbeitung, bei der mehrere Personen gemeinsam, ja sogar gleichzeitig an einem Text arbeiten können.

Wenn Textproduktion nicht ausreicht und etwa (selbstproduzierte) Bilder, Filme oder andere Dateien auf einer gemeinsamen Seite zusammengestellt werden sollen, bietet sich ein sogenanntes Padlet an, eine Art Online-Pinnwand, auf der verschiedene Nutzer ihre digitalen Ergebnisse anpinnen können. So kann ein Brainstorming durchgeführt werden, Inhalte können gleichzeitig erarbeitet oder ergänzt werden, in arbeitsteiligen Gruppenarbeiten können alle Ergebnisse an einem zentralen Ort gesammelt werden. Und falls die Ergebnisse öffentlich gemacht werden sollen, wäre auch dies denkbar – etwa wenn mit Austauschschülern der Partnerschule gemeinsam Ergebnisse erarbeitet wurden.

Aber auch etablierte kooperative Arbeitsformen wie die Placemat lassen sich mit Hilfe der Endgeräte der Schülerinnen und Schüler leicht digital umsetzen. Hier kann jeder Schüler einen anderen Arbeitsauftrag erhalten, indem sich auf jedem Feld ein unterschiedlicher QR-Code befindet. So lässt sich mit Hilfe der Smartphones der Schülerinnen und Schüler ein multiperspektivisches Bild verschiedenster auch aktueller Themen erarbeiten.

Ein Beispiel für Kommunikation über das Klassenzimmer hinaus

Wenn ich Schülerinnen und Schüler meiner letzten 10. Klasse heute frage, woran sie sich aus meinem Unterricht noch erinnern, fällt vielen als erstes der Video-Chat mit einer Klasse in Indonesien ein. Es ging im Gesellschaftslehre-Unterricht um Asien und durch Zufall wurde mir im Rahmen eines Projektes zum Chat eine Klasse in Indonesien zugelost. Dabei konnten wir per Skype etwa eine Doppelstunde – als Klasse, nicht individuell, weil die WLAN-Versorgung mehr leider nicht hergab – mit einer Klasse in Indonesien sprechen. Natürlich auf Englisch. Auch Experten lassen sich so per Chat in den Klassenraum holen.

Kritische Denkkompetenz

Die kritische Auseinandersetzung mit gedruckten, audiovisuellen oder auditiven Medien ist seit jeher Bestandteil, wenn nicht zentrales Ziel des Unterrichts verschiedener Fächern. Dieser kritische Umgang mit Medien, etwa die Analyse, der Vergleich, das Wissen um Produktionsprozesse, Propaganda oder Manipulation ist in Zeiten, in denen Schülerinnen und Schüler tagtäglich verschiedenste Informations- und Kommunikationskanäle online nutzen, eine unabdingbare Voraussetzung für die reflektierte und informierte Teilhabe am gesellschaftlichen Leben und muss in der Schule mehr denn je auch in Bezug auf Online-Angebote erarbeitet werden. Schülerinnen und Schüler brauchen gut trainierte kritische Denkkompetenzen. Nicht mehr das Fehlen von Wissen ist schließlich heute unser Problem, sondern die kluge Auswahl, Gewichtung und sinnvolle Verarbeitung von Information.

Ziel: Medienkompetenz in all ihren Facetten

Bei der klassischen Definition von Medienkompetenz durch den Bielefelder Erziehungswissenschaftler Dieter Baacke werden vier verschiedene Bereiche unterschieden: (1) die Mediengestaltung d.h. die kreative Gestaltung und Veränderung von Medien, (2) die Mediennutzung, das ist die Fähigkeit als Nutzer, aber auch aktiv mit Medien umgehen zu können, (3) die Medienkunde, also das Wissen darüber, welche Medien es gibt und wie Medien bedient werden und nicht zuletzt (4) die Medienkritik, also das analytische oder selbstreflexive Nachdenken über Vor- und Nachteile von Medien, die eben genannte kritische Denkkompetenz. Der Medienpass des Landes NRW, dessen Neuauflage vor einigen Wochen erschienen ist, erwartet von uns Lehrern die praktische Umsetzung dieser Kompetenzen. (Diese Bereiche finden sich selbstverständlich allesamt in den Kompetenzbereichen des Medienpasses NRW wieder).

Herausforderung für Lehrerinnen und Lehrer: technologische Kompetenz

Als Lehrende sind wir bisher gewohnt, dass wir unsere fachlichen Inhalte didaktisch aufbereiten. Mit dem unaufhaltsamen Einzug digitaler Medien auch in die Klassenzimmer, sind wir zusätzlich herausgefordert. Bisher waren Bücher das Leitmedium im Unterricht, über kurz oder lang werden aber nicht mehr Texte allein den Unterricht bestimmen.

Das Modell des amerikanischen Bildungspsychologen Lee Shulman macht in der Erweiterung von Matthew J. Koehler und Punya Mishra die zukünftigen Herausforderungen für Lehrer deutlich. Bisher reichte unser fachliches und unser pädagogisches Wissen, das wir im Laufe des Studiums und unseres Berufslebens erworben haben. Als Schnittmenge ergaben sich die fachdidaktischen Fähigkeiten, die wir vor allem im Rahmen des Referendariats erlernen konnten. Dadurch dass nun aber auch technologische Kompetenz zusätzlich von uns erwartet wird, ergeben sich ungleich komplexere Anforderungen an Lehrende:

Das TPCK-Modell

So muss ich beispielsweise nicht mehr nur die historischen Hintergründe der Entstehung des deutschen Kaiserreichs kennen und wissen, wie ich diese didaktisch reduziert und aufbereitet im Unterricht erarbeite, sondern zugleich sollte ich wissen, wo und wie ich im Internet Informationen zu diesem Thema finde und zugänglich machen kann (TCK) und wie ich didaktisch sinnvoll ein digitales Arbeitsergebnis erstellen lassen kann (TPK). Letztlich muss ich auch entscheiden können, ob mein didaktisches Setting durch die digitalen Möglichkeiten nicht vollständig neu gedacht werden muss (TPCK). So könnte ich etwa mit einem Historiker skypen, Videos erstellen oder neu vertonen und online kommentieren lassen oder ganz andere Formen der Erarbeitung wählen. Als Lehrer brauche ich in Zukunft, ob ich will oder nicht, technologisch-pädagogisch-fachliche Kompetenz.

Literatur

Online

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